Ein gemeinschaftliches Solarprojekt der Gewerbeschule 8 Hamburg und dem Förderverein Marangu e.V.

 

Projektziel:

Schüler der Berufsfachschulen Elektrotechnik und Metalltechnik bauen in Begleitung von Lehrern in Kooperation mit dem Förderverein MARANGU e.V. in Mwangaria /Region Kilimanjaro/Tansania eine Photovoltaik-Anlage in einer Krankenstation auf und erstellen die Elektroinstallation für elf Räume und Flure (Operation, Verwaltung, Besprechung, Medikamentenausgabe, Patienten). Weiterhin soll die Wassergewinnung aus einem vorhandenen Brunnen über die Installation einer Handpumpe auf einer Betonabdeckung den notwendigen hygienischen Ansprüchen angepasst und effektiver gestaltet werden. Eine langlebige Betriebsfähigkeit der ausgeführten Installationen soll gewährleistet sein, so dass es Sinn macht, dass mit dem Förderverein Marangu e.V. ein Kooperationspartner für dieses Projekt gewonnen werden kann.

Die Gewerbeschule 8 ist eine multinationale Schule. Wir betreuen Schülerinnen und Schüler im Bereich der Berufsvorbereitung/ -ausbildung aus ca. 35 Nationen. Damit verbinden wir den Anspruch an uns, internationale Kontakte aufzubauen und zu pflegen. Bisher bestehen solche Arbeitskontakte mit Polen und Lettland so wie mit Mali, Republik Niger und Nicaragua; hier haben wir bereits Solar- und Brunnenprojekte mit Partnerschulen durchgeführt. Ein großer Teil unserer Schülerinnen und Schüler sind Hauptschüler, die aufgrund der schwierigen Ausbildungssituation bisher keine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle gefunden haben; sie sind häufig „schulmüde“. An unserer Schule haben wir festgestellt: Die Arbeit mit unseren Schülern gestaltet sich insbesondere dann erfolgreich, wenn diese ernsthafter Praxis ausgesetzt sind. Das geplante Projekt passt in die Konzeption unserer Schule: Alle Aspekte einer erfolgreichen pädagogischen Arbeit werden hier zusammen geführt.

Der Förderverein MARANGU e.V. wurde von Bürgern des Hamburger Stadtteils Volksdorf gegründet und leistet seit 1996 Hilfe zur Selbsthilfe in der Kommune Marangu in der Kilimanjaro Region in Tansania. Die Mitarbeiter des Fördervereines haben einen genauen Einblick in die Lebenssituation der Menschen in dieser Region und haben mit dem einheimischen Verein MAGDA (Marangu Community Development Association) eine erfolgreiche und freundschaftliche Zusammenarbeit entwickelt. Neben der Unterstützung für das Luth. Krankenhaus Marangu fördert der Verein Schulkinder und Bildungseinrichtungen in dieser Region; z.Z. unterstützt er fünf Schulen und fünf Kindergärten, vermittelt Schulpatenschaften für Kinder in Primar-, Sekundar- und Berufsschulen und hat in besonderen Notlagen auch schon Gehälter für Lehrer und Kindergärtnerinnen gezahlt. Bei der Finanzierung von Schulspeisung und Schuluniformen hat er ebenfalls Unterstützung gegeben. Ferner fördert dieser Verein in enger Zusammenarbeit mit „Arbeit und Leben“ (Hamburger Senat/DGB) die Aus- und Fortbildung von Fachkräften aus Entwicklungsländern.

Die Dispensaria Mwangaria ist eine Außenstationen des Hospitals Marangu, die in einer Entfernung von ca. 100 km mitten in der Savanne liegt und dort medizinische Versorgung anbietet, bisher natürlich ohne Elektrizität und fließendem Wasser. Hier arbeitete bis im letzten Jahr ein älterer, sehr engagierter Arzt mit drei Krankenschwestern. Zum Aufgabenbereich dieses Staffs gehören Aidsaufklärung, medizinische Betreuung, kleine Operationen, Notfallversorgung und natürlich auch Entbindungen. Das Einzugsgebiet dieser Krankenstation ist riesig und die Patienten sind oft tagelang unterwegs, um Hilfe zu finden. Da es in der ganzen Region keine Elektrizität gibt, werden nachts die medizinischen Eingriffe, auch Geburten per Kaiserschnitt, bei der Beleuchtung einer Petroleumlampe oder im Glücksfall einer Taschenlampe durchgeführt. Auch das Wasser muss von den Frauen auf dem Kopf von einem weit entfernten Brunnen heran geschafft werden. Der Vorsitzende des Vereins, Herr Buhre hat sich bei einem Besuch in dieser Region im Oktober 2006 davon überzeugt, dass dieser Krankenstation geholfen werden muss. Zusätzlich hofft man, mit der Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch die Elektrifizierung die Krankenstation aufzuwerten, um sie mit einem neuen Arzt leichter besetzen zu können.

Die Region Mwangaria am Fuße des Kilimanjaros auf ca.6000 Metern Höhe.

Die Krankenstation Mwangaria. Das Dach ist idealer weise nach Norden verschattungsfrei ausgerichtet.

Planung/Verlauf:

Die Einbindung der Gewerbeschule 8 in das Vorhaben ergab sich aus bereits durchgeführten vergleichbaren Projekten in Mali, Niger und Nicaragua. Insbesondere die Konzeptionen der Berufsfachschulen Elektrotechnik und Metalltechnik mit den Unterrichtsinhalten Solartechnik (Fotovoltaik/Solarthermie) verfolgen die Absicht, dass die erworbenen handwerklicher Fertigkeiten und Kenntnisse aus den Metall- und Elektrowerkstätten in diesem Projekt den unmittelbaren Praxisbezug finden. 2006 spendete durch Vermittlung des Bundestagsabgeordneten der CDU in Volksdorf, Jürgen Klimke, die Firma Sharp die erforderlichen Fotovoltaik-Module. Andere Einrichtungen wie NUE, GTZ und Agnes Gräfe Stiftung konnten für eine Kostenbeteiligung gewonnen werden.

Mithilfe eines Grundrisses von der Krankenstation konnten die Schüler einen Installationsplan entwerfen, um dann eine Stückliste der notwendigen Bauteile (Aufstellrahmen, Akkumulatoren, Laderegler, Energiesparleuchten, elektrischen Leitungen sowie Installationsmaterial) zu erstellen. Wir entschieden uns in für eine Fotovoltaikanlage auf Nieder-Gleich-Spannungsbasis von 12V, um den Anschluss von „stromfressenden“ Haushaltsgeräten zu unterbinden, welche die tagsüber geladene Energie in kürzester Zeit „verbrauchen“ würden. Die Elektrifizierung der Räume sollte ausschließlich nur der medizinischen Versorgung bei Dunkelheit und dem Betrieb des Medikamentenschrankes dienen. Zusätzlich entfiel die Installation eines kostenintensiven (ev. störungsanfälligen) Wechselrichters, der die Batteriespannung von 12V Gleich- auf 230V Wechselspannung transformiert.

Der Förderverein hat die Bestellung der Solarkomponenten bei der Hamburger Firma „Weltlicht“ in Auftrag gegeben. Diese wurden in einem 40-Fuß-Container mit vielen anderen medizinischen Geräten und Verbrauchsgütern, die das Krankenhaus dringend benötigt, am 29.2.2007 verschifft mit der Maßgabe, Ende März Tansania zu erreichen. Regenzeit und bevorstehende Abschlussprüfungen ließen für den Projektaufenthalt unserer Schüler nur einen begrenzten Zeitraum zu, wir entschieden uns für die Zeit vom 6.4. – 21.4.2007.

Die fünfköpfige Schülergruppe startete mit den beiden Lehrern (Elektro/Metall) am Karfreitag um 7.05 Uhr von Hamburg Fuhlsbüttel, vollgeladen nicht nur mit persönlicher Ausrüstung, sondern auch mit elektrischem Installationsmaterial und Werkzeugen und landeten abends um 21.00 Uhr auf dem Kilimanjaro-Airport, hier mussten wir allerdings in einer längeren Prozedur den Verlust eines Gepäckstückes melden. Am folgenden Tag fuhren wir mit einem angemieteten Kleinbus ca. 120 km über Land zur Krankenstation Mwangeria, an der wir vom Pastor und den Dorfbewohnern äußerst herzlich empfangen wurden. Unsere Unterbringung konnte in den Räumen der Krankenstation organisiert werden, in denen wir unsere Moskitodome und Isomatten aufbauten. Die einfachen sanitären Verhältnisse (kein fließendes Wasser, Stehtoilette in einem Holzverschlag) wurden von den Schülern/-innen zunächst äußerst skeptisch beäugelt, sie arrangierten sich aber relativ schnell damit. Es begann knapp eine Woche intensiver Arbeit bei „sommerlichen Temperaturen“ von über 35 oC.

Bedauerlicherweise war der in Hamburg verschiffte Container in Tansania noch nicht eingetroffen; dieser Umstand tat unserer Arbeit allerdings keinen Abbruch: Wir waren in der Lage, gleich am Ostersonntag (nach einem drei-stündigen Gottesdienst) mit der zeitaufwendigen Leitungsinstallation sofort zu beginnen, da dieses Material auf dem Flugwege als Reisegepäck deklariert von uns mitgenommen war; ein Notstromaggregat für den Einsatz einer Bohrmaschine für die Wand- und Deckendurchbrüche konnte der Pastor organisieren. Die Installationsarbeiten in den Räumen begannen mit dem Anzeichnen der Bauteile Schalter, Verteilerdosen, Leuchten, Laderegler und Leitungsverlegung. Die Schüler gingen hier sehr sorgfältig mit Wasserwaage und Zollstock vor, da dieser Schritt die gesamte Optik der Installation bestimmt. Diese vorbereiteten Wandarbeiten und die folgende Leitungsbefestigung mit Reihenschellen in ca. 2,70m Höhe gestalteten sich langwierig, da wir über keine professionellen Leitern sondern nur über z.T. selbst angefertigte „Grobholzsteighilfen“ verfügten. Die elf Räume rüsteten wir mit bis zu sechs Leuchten aus; hier kamen Ausschaltung, Serienschaltung und Wechselschaltung zum Einsatz. Wir haben in dieser Zeit ca. 300m Leitungen verlegt, 20 Verteilerdosen und 18 Schalter angebracht und 30 Deckenauslässe für die Leuchten vorbereitet. Da mittlerweile auch in Tansania in den entlegensten Gebieten das Mobiltelefon eine ungeahnt große Verbreitung gefunden hat, Auflademöglichkeiten dafür auf dem Land aber kaum vorhanden sind, haben wir drei 12V – Steckdosen installiert, an denen über eine handelsübliche Leitung die „Handys“ angeschlossen werden können.

Die finale Inbetriebnahme der Fotovoltaikanlage konnte wir während des Aufenthaltes nicht durchführen, da der Container auf dem Seewege beim Umladen in Dschidda „hängen geblieben“ ist und die Module nicht montiert und die Akkus nicht aufgestellt werden konnten. Glücklicherweise konnten zwei Zivildienstleistende aus Hamburg, die über die GTZ bei „MACDA“ tätig sind, für die verbliebenen Restarbeiten nach unserer Abreise gewonnen werden; beide sind für ihren einjährigen Aufenthalt in Tansania in der Bildungseinrichtung „Artefakt“ (Glücksburg) solartechnisch ausgebildet worden und haben nach dem Eintreffen des Containers in der ersten Maiwoche erfolgreich die Module auf dem Dach der Krankenstation angebracht und die Verschaltung mit den Akkus, Laderegler und Verteilung durchgeführt; da alle Räume und Flure fehlerfrei von den Schülern vorinstalliert waren, konnte der Solargenerator sofort seine Arbeit aufnehmen: Die Station ist seit Mai 2007 nach Sonnenuntergang beleuchtet; am 21.Juli 07 weihte der Bischoff die vollständige Anlage in einer würdevollen Zeremonie ein. Die medizinische Versorgung der Region Kahe hat sich mit der Elektrifizierung der Station und dem Einsatz eines Medikamentenkühlschrankes weit verbessert.

Medikamentenschrank im Probedurchlauf

Jetzt möglich: Nächtliche Medikamentenausgabe

Das Eigeninteresse der Dorfbevölkerung an einer Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse war erkennbar an der Mitwirkung am Brunnenausbau. Sie hatte termingerecht zu unserem Eintreffen ein Brunnenloch ausgeschachtet und mit Finanzmitteln des Fördervereins eine Betoneinfassung geschüttet, so dass wir für die Errichtung der Pumpe die erforderlichen Bohrungen vornehmen konnten. Der Aufenthalt in Mwangeria war geprägt von einer tiefen Gastfreundschaft gegenüber Schülern/innen und Lehrern. Wir wurden während des Aufenthalts mit einer Herzlichkeit umsorgt, die insbesondere die Schüler/-innen so nicht erwartet haben, die hohe Anerkennung erfahren hat, da die bescheidenen Lebensumstände ihnen augenscheinlich waren. Die Schüler/-innen respektierten das zwar einfache, aber doch recht schmackhafte Essen und konnten schon die Mühe (Kosten) einschätzen, wenn zum Essen so gar eine Cola gereicht wurde. Wie selbstverständlich achteten die Schüler/-innen die Vorbereitungen zum Essen: Man erscheint gemeinsam zum Tisch, die Hände werden gewaschen, man erhebt sich und ein Tischgebet wird gesprochen; Dinge, die in einer Großstadt wie Hamburg, in den meisten Familien nicht mehr praktiziert werden.

Die Verabschiedung von der Krankenstation wurde unter der Leitung des Pastors geradezu zelebriert: Mit kleinen Gastgeschenken versehen und mit dem Versprechen, weiterhin Kontakt zu halten und sich gegenseitig auszutauschen, fuhren wir zum Krankenhaus Marangu zurück. Mit der Ankunft im Krankenhaus hatten wir das Gefühl, wieder in der Zivilisation zu sein: Wir wurden in Gästehäusern auf dem Krankenhausgelände untergebracht bei fließendem Wasser und WC-Spülung.

Eine ausführliche Analyse des Systems der solarthermischen Warmwasseraufbereitung ließ die Ursache der unzureichenden Funktion erkennen: Die Module waren in Unkenntnis über einen langen Zeitraum nicht mehr gesäubert worden und ein Schwimmerventil hatte am Speicher keine Passung, so dass es zu einem erheblichen Wasseraustritt kam. Beide Dinge konnten mit relativ einfachen Mitteln behoben werden. An der Rezeption des Krankenhauses montierten die Schüler/-innen ein kleines Solarmodul mit drei LED-Leuchten (gesponsert von der Fa. Weltlich/Heidtfeld), so dass bei Stromausfällen für nächtliche Besucher der Eingangsbereich eine Orientierung bietet.

 

Einweihungsfeier mit dem Bischoff

Erinnerungsschild nach Fertigstellung des Projektes

Ausflüge zum Arusha-Nationalpark (Tiere in freier Wildbahn) und zu den Wasserfällen um Marangu haben bei den Schülern/-innen und den Lehrern bleibende Eindrücke hinterlassen. Wir flogen am 21.April wieder zurück nach Hamburg, mit dem Wunsch, den Kontakt zu den Gastgebern weiter aufrechtzuerhalten und dieses Land in näherer Zukunft wieder besuchen zu können.

Die Zusammenfassung des Schülerresümees dieser Solarprojektreise lässt sich umreißen mit den Stichworten:

  • Wir haben einen völlig neuen Kulturkreis, geprägt von einer tiefen Gastfreundschaft uns gegenüber, kennen gelernt.
  • Mit der Planung und Durchführung des Solarprojektes haben wir uns in die aktuelle Diskussion um den Klimaschutz begeben.
  • Die Ruhe und der Sternenhimmel ließen die einfachen sanitären Bedingungen in den Hintergrund treten.
  • Wir konnten unsere erworbenen Schulkenntnisse anwenden und mal richtig als „Elektriker“ arbeiten.
  • Das Verständnis gegenüber afrikanischen Mitbürgern, die in Hamburg leben, ist jetzt viel größer geworden.